Fünf Großmehringer
wandern nach Argentinien aus


La Pampa, Foto von Peter Ihrler, 2001



Weil das Leben nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland nicht einfach war, wanderte mein Großonkel Michael Schneider nach Argentinien aus. Meine Mutter erzählte oft von diesem Onkel und es interessierte mich sehr, weil ich auch selber gerne in meiner Studentenzeit und danach gerne verreiste. Weil ich von meinem Studienjahr in Ecuador her Spanisch konnte, fragte mich der Großmehringer Hans Braun, ob ich beim Kontakt mit seinen spanisch und nicht mehr deutsch sprechenden Verwandten aus Argentinien helfen könne. So erfuhr ich also auch Details über andere Großmehringer, die nach Argentinien auswanderten. Ich war erstmals ca. 1994 bei einem Treffen der deutschen und argentinischen Brauns dabei und besuchte mit meiner Familie 2001 auch das Dorf Villa Alba in der Pampa Argentiniens, in dem die fünf Auswanderer anfänglich gelandet waren. Es sind sicher noch viele Briefe und andere Dokumente über die Auswanderer erhalten. Einige habe ich gefunden und hier mit eingearbeitet. Vielleicht sind auch noch andere aus Großmehring nach Argentinien ausgewandert, von denen ich nichts weiß. Die heutigen Nachfahren der Braun erinnern sich aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern zum Beispiel nicht daran, dass auch Michael in Villa Alba war.

Aus den Hamburger Passagierlisten können wir entnehmen, dass Ludwig Braun und Johann Schraufstetter am 20. April 1921 in Hamburg mit dem Schiff abgereist sind (siehe Bild unter der Überschrift, [6]). Die Reise dauerte etwa einen Monat. Sie fuhren mit einem Schiff der HAMBURG-SÜDAMERIKANISCHE DAMPFSCHIFFAHRT-GESELLSCHAFT AG. Mehr dazu unter [6]. Von den Großmehringern Fritz Braun und Julia Flock, die auch beide in der 1920er Jahren nach Argentinien ausgewandert sind, ist weder in den Hamburger noch in den Bremer Passagierlisten zu finden. Michael Schneider (Mentlwastl) schreibt in seinen Tagebüchern, dass er am 24.07.1924 von Hamburg mit dem Schiff Antonio Delfino nach Buenos Aires aufgebrochen ist.

Wally und Maria, die Schwestern von Johann Schrauffstetter sind auch ausgewandert. Sie sind in diesen Listen auch nicht zu finden. Franz Schraufstetter, ein Neffe, der in Großmehring lebt, erzählte mir am 28.06.2012, dass die Schwestern nicht nach Argentinien, sondern nach USA auswanderten. Beide haben Nachkommen in den USA. Walburga kam bereits am 07.07.1913 in New York an ([8]). Walburga besuchte bereits 1923 mit Ehemann und Tochter Deutschland. Am 11.03.1923 kamen sie wieder in New York an ([11]). Maria ließ sich offensichtlich bei ihrem Besuch überreden, folgte ihrer Schwester und kam am 19.10.1923 aus Bremen in New York an ([9]).

Ludwig war der Sohn von Johann Braun, Uhrmacher, Katharina hieß seine Mutter. Seine Vorfahren kamen aus Strahlfeld in der Oberpfalz nach Großmehring [1]. Er lernte Bäcker bei der Bäckerei Ernhofer, der spätere Euringer Beck. Johann war Schmied, vermutlich hatte er die Schmiede seines Vaters übernehmen sollen. Da dieser aber früh starb und die Witwe einen Ostermeier heiratete, ging die Schmiede an einen Sohn dieser zweiten Ehe. Johann hatte den Spitznamen "Der Schmiedzündler". Er zündelte als Kind beim Nachbarn Mühlbauer und es brannte ein Teil des Hofes nieder. Vermutlich waren die entgangene Schmiednachfolge oder die Brandmarkung durch den Spitznamen - oder auch beides - der Grund auszuwandern.
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Heimathaus der Familie Braun in Großmehring um 1905 [1]    Heimathaus der Familie Braun in Großmehring um 1960 [1]


Die Auswanderer kamen mit dem Schiff in Buenos Aires an und wurden dann vermutlich über eine Einwanderer-Agentur einem Ort zugewiesen. Fritz Braun war vermutlich der erste, der 1920 Deutschland in Richtung Argentinien verlies. Sein Bruder Ludwig folgte ihm 1921. Nelly, eine Enkelin von Ludwig, erzählte bei ihrem Besuch in Großmehring am 13.06.2012, dass sie damals gefragt wurden, ob sie lieber nach Misiones im Norden, in den Westen oder lieber in die Pampa möchten. Fritz entschied sich damals für die Pampa, ein endloses flaches und dünnbesiedeltes Land 750 km südwestlich von Buenos Aires. Nelly meinte, dass es die schlechteste der drei Optionen gewesen sei. Das Dorf in La Pampa, in dem die Großmehringer zunächst gelandet ist, hieß Villa Alba und es wurde 1901 an einer Bahnstrecke gegründet. Heute heißt die Ortschaft General San Martín.
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Ansichtskarte von Villa Alba (General San Martín) 1940 [2]    

Julia Flock war die Verlobte von Ludwig. Sie reiste Ludwig nach. Wally Schneider, eine Großtante von mir, war ihre beste Freundin. Wally begleitete Julia auf dem Weg zum Hamburger Hafen, den sie mit dem Schiff "SIERRA NEVADA" verließ [2]. Angekommen in Buenos Aires sollte Julia von Ludwig abgeholt werden. Als aber Ludwig nicht da war, fuhr sie alleine Richtung Villa Alba [3]. Sie trafen sich dann auf dem Weg. Julia wurde 1898 in Großweingarten in der Nähe von Nürnberg geboren. Sie wohnte vor ihrer Ausreise in Großmehring beim Lehrer Flock. Sie war aber nicht seine Tochter, sondern vermutlich eine Nichte.

1924 reiste dann mein Großonkel Michael Schneider, geboren am 02.11.1893 in Großmehring aus. Michael war eines von zehn Geschwistern aus dem Mentlwastlhof. Magdalena Schraufstetter, vermutlich eine Tante von Franz Schraufstetter, war seine Großmutter. Mein Onkel, Hans Schneider (Mentlwastl), erzählte mir am 26.06.2012, dass Fritz Braun und Michael gute Freunde waren. Das geht auch aus einem Brief von Ludwig [7] hervor, indem steht: "Michl ist bei Fritz, sind beide auf der Chacra (Einödegehöfte)". In dem Brief wird auch angedeutet, dass sich Michael schwer beim Einleben in dem fremden Land tut und dass es auch mit der Frauensuche in der Pampa nicht so einfach ist ("Heiratsmöglichkeiten für einen Deutschen sind hier schlecht"). Michael hielt es nur sieben Jahre in dem Land aus und er wäre nicht so lange geblieben, hätte er das Geld für die Rückreise gehabt. Er musste sich das Geld zweimal verdienen, weil es ihm das erste Mal gestohlen wurde. Die heutigen Nachfahren der Braun erinnern sich aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern nicht daran, dass auch Michael in Villa Alba war. 1935 heirate er die zweimal verwitwete Johanna Hatz in Großmehring. Die Ehe blieb kinderlos. Am 10.4.1950 starb er an Leberkrebs. Das Heimatbuch Großmehring erzählt über zwei Seiten von Michael: Heimatbuch [4].
Text in PDF    
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Aus dem Heimatbuch Großmehring [4]     Michael Schneider mit Gruß aus Villa Alba, Vorderseite     

"Er trägt eine "bombacha de gaucho" (Gaucho-Pluderose, ein Gaucho ist in Argentinien und Uruguay ein Viehhirt), gehalten von einer Binde um die Hüfte, die man zum Tragen eines Messers benutzte. Was aber nicht zur Aufmachung eines Gaucho passt, ist seine Kravatte um den Hals, weil der Gaucho nie eine Kravatte trägt. Das Hemd hingegen passt sehr gut, weil es weit ist und auch der Hut gehört zur Kleidung des Gauchos."
(Mabel Braun, 16.06.2015)
Michael Schneider mit Gruß aus Villa Alba, Rückseite     



Brief Am 20.April 1925 schreibt Ludwig Braun einen Brief an seinen Freund Ludwig Fahn in Großmehring. Ludwig Fahn war wiederum der Freund oder Verlobte von Wally Schneider, meiner Großtante. Er beschreibt das Leben in der Pampa recht positiv und versucht seinen Freund zu überzeugen mit Wally ebenfalls nach Argentinien zu gehen. Er beschreibt seine Arbeit in einer Brotfabrik, in der er arbeitete bevor er eine eigene Bäckerei aufmachte. Außerdem verdiente er noch Geld mit dem Reparieren von Uhren. Er erwähnt auch, dass Michael, dem Bruder von Wally, das Einleben in Villa Alba nicht leicht fiele. Der Brief ist sehr lesenswert und ist unter [7] zu finden.


Ein Teil der Braun blieb in Villa Alba, ein Teil der Kinder und Enkel leben heute in Villa Iris (56 km von Villa Alba), Bahía Blanca, La Plata (bei Buenos Aires). Fritz Braun blieb nicht in Villa Alba. Aus einem Zeitungsartikel [5] kann man entnehmen, dass er 1940 nach Cipoletti im Westen Argentiniens kam und dort eine Spenglereifabrik aufbaute, die ein Sohn und Enkel weiterführte. Andere Nachkommen leben in Neuquén, ganz in der Nähe von Cipoletti, andere in San Martín de los Andes.

Im Oktober 1994 stirbt Julia Flock, die Frau von Ludwig, im Alter von 95 Jahren. Sie verbrachte also 23 Jahre ihres Lebens in Bayern und 70 Jahre in ihrer neuen Heimat in Amerika. Der Zeitungsartikel [3] zu ihrem Tod, erzählt ein wenig von ihrem Leben. Ein weiterer Artikel [13] beinhaltet Auszüge aus einem Interview (noch nicht ins Deutsche übersetzt).


Franz Schraufstetter, der Neffe von Johann Schraufstetter, berichtete mir am 28.06.2010, dass sein Onkel ledig nach Amerika ausgewandert ist und nicht geheiratet und keine Kinder hatte. Sterberegister und Volkszählung aus den USA zeigen, dass Johann 1927 in die USA einwanderte und bei seiner Schwester Wally, die mit dem ebenfalls in Deutschland geborenen Michael Portenhauser verheiratet war, in der Nähe von Chicago wohnte [10]. Er ist am 7. Juni 1946 im Alter von 53 Jahren gestorben. Vermutlich ist er direkt von Argentinien nach USA umgesiedelt.

Leider ist viel verloren gegangen, von den Berichten, wie die Auswanderer die neue Welt erlebten und was die Zurückgebliebenen davon erfuhren. Viele Briefe und Andenken gingen verloren oder wurden vernichtet. Vor gut 10 Jahren wurde das alte Haus meines Onkels abgerissen und die Briefe von Michl kamen in die Müllverbrennung. Ich erfuhr erst zu spät davon. Aber eine noch viel traurigere Tatsache ist, dass es Gründe gab, nicht alles von den Verwandten in Übersee zu erzählen. Die in Deutschland gebliebenen brachen oft den Kontakt ab, aus Sorge darüber, dass die Ausgewanderten zurückkamen und ihren Pflichtteil forderten. Die Ausgewandeterten verschwiegen ihren Kindern so vieles vor Schmerz, so wird es zum Beispiel aus dem Auszug einer E-Mail deutlich:

"Die Nachkommen der Braun wissen nicht viel über Freunde und Bekannte, die damals mit ihnen ausgewandert sind. Sie erzählten lieber nicht davon und enhielten uns viele Ereignisse ihres Lebens vor, weil der Schmerz über die Ferne der Verwandten und ihrem Land zu groß war. Ich selber erinnere mich daran, dass ich [als Kind] meine Großmutter Julia Flock nach ihrer Familie fragte und sie mir anwortete, dass sie keinen Sinn mehr darin sehe über die Leute da drüben zu sprechen, denn ihre Familie sei hier (in Argentinien). Vor allem, als sie die Nachricht des Todes ihrer Mutter erhielt, sagte sie: 'Jetzt habe ich niemanden mehr in Deutschland, zu dem ich zurückkehren könnte." Sie war immer sehr verschwiegen und behielt ihre Geschichten für sich, wahrscheinlich weil ihre verlorengegangen Gefühle sie zu einer zurückhaltenden und einsamen Person machten. Vielleicht hat mein Vater Luis etwas mehr mit seinem Vater Ludwig gesprochen, aber das wissen wir nicht." [12]


Auch aufgrund dieser Tatsachen war es für viele Auswanderer wirklich ein "neues" Leben, das sie begannen. Und es scheint so zu sein, als hätte sich daran bis heute nichts geändert. Ich habe Bekannte aus Rumänien mit deutscher Abstammung und deutscher Muttersprache, die 1990 ungefähr mit 18 Jahren flohen. Als sie Kinder hatten, überlegten sie, ob sie ihnen ihre Herkunft verschweigen sollten.

Ein Buch, das auch diese Seite des Auswanderns beschreibt, ist sehr empfehlenswert:
Maria Bamberg: "Ella und der Gringo mit den großen Füßen", Edition Tranvia 2008, 298 Seiten
Das Buch beginnt schon mit einer wichtigen Parallele: Ella ist 1923 mit dem Schiff Vigo von Hamburg ausgereist, Michl wahrscheinlich ein Jahr später mit dem selben Schiff (Aus Den Hamburger Passagierlisten).

     
Heute leben die Nachkommen der drei Großmehringer, die blieben,
verteilt in Argentinien. Die Karte zeigt einige Orte, in denen sie leben
Auszug aus den Nachfahren der Braun-Emigranten
(Los árboles de la familia de ascendencia Braun en Baviera)




Quellen:
[1]  Adolf Stock: Großmehring. Wandel der Zeit in Bildern. 2. Auflage, 10.Februar 2006
[2]  Foto aus Fototeca Bernardo Graff (http://www.facebook.com/pages/Fototeca-Bernardo-Graff/270239636324143, 28.10.2012)
[3]  Julia Artikel
[4]  Wilhelm Ernst, Heimatbuch Großmehring, 1984
[5]  Zeitungsartikel über Frtiz Braun
[6]  Hamburger Passagierlisten
[7]  Ein Brief von Ludwig Braun an Ludwig Fahn
[8]  Walburga Schraufstetter, USA
[9]  Maria Schraufstetter (Köchin, USA)
[10] Volkszählung in den USA. Das Alter von Johann Schraufstetter ist vermutlich falsch
[11] Wally Schraufstetter besucht 1923 ihre Heimat
[12] E-Mail von Mabel Braun, 15.10.2012
[13] Zeitungsartikel, Interivew mit Julia Flock, http://www.guiaenlapampa.com.ar/leer_noticia.php?idnoticia=34&id=101, 28.10.2012


Peter Ihrler, 24.06.2012, 30.06.2012, 28.10.2012